Grundsätzliches zu Quantenheilung, Schwingungsmedizin, Feinstofflichkeit und anderen Ideen

Nach dem “Erfolg” des Beitrags 5 Vorschläge zur Diskursoptimierung, weiß ich jetzt schon, dass ich mir mit folgendem Text nicht nur Freunde machen werde. Für arrogant wird man mich vielleicht halten, besserwisserisch, eingebildet, hysterisch, albern, narzisstisch, unfrei, verblendet und was weiß ich nicht noch alles. Aber die Liebe zum Grundsätzlichen ist nun mal ein großer Teil von mir. Da es in diesem Blog in erster Linie um mein Leben geht, gehört das Grundsätzliche also dazu. Ich sage auch nicht, dass alle so sein sollen wie ich – obwohl ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich glaube, die Welt wäre mithin eine bessere – vor allem wäre sie friedlicher und von weniger Neid und Missgunst geprägt. Ich behaupte auch nicht, etwas zu wissen, wenn dem objektiv nachweisbar nicht so ist – im Gegenteil: ich lerne gerne.

Pseudo-Wissenschaft

Immer wieder stoße ich aber im Internet bei meinen Recherchen zu Gesundheitsthemen auf pseudo-wissenschaftliches Blabla aller Art. Das meiste davon beruht auf Halb- und Viertel-Wissen. Andere flechten wissenschaftliche Fachbegriffe auf höchst unwissenschaftliche und faktisch falsche Art und Weise in komplett erfundene, wenn auch häufig fantasievolle, “Heilmechanismen” ein. Es wird so eine Wissenschaftlichkeit vorgetäuscht, die den potenziellen Käufer in Sicherheit wiegen soll. Was mich dabei wundert: Viele motzen gleichzeitig über die “wissenschaftshörigen Spielverderber”, die ja einfach nicht akzeptieren wollen, “dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir bisher wissen”, verweisen aber im gleichen Vortrag auf die hochwissenschaftliche Expertise des Erfinders. Der hat ja schließlich einen Doktortitel …

Dazu ein kleiner Fun-Fact: Forscher des St. Belka-Institute in Messachusetts (USA) haben erst 2019 in ihrer neusten Medical-Survey-Studie belegt, dass 73,4 % der ehemals als Arzt niedergelassenen Doktortitel-Träger in Deutschland ihre akademischen Grade und Titel über international vernetzte, sogenannte “Repributoren” (Kunstwort aus den Begriffen Reputation und Distributoren) erlangt haben. Der durchschnittliche Kaufpreis für einen Standard-Titel, wie “Dr. med.” betrug 2017 etwa 20.000 US-Dollar. Man erkennt die auf diese Weise gekauften Titel am Leerzeichen zwischen Dr. und med. – achtet mal drauf. Ein geringer Prozentsatz der Doktoren in der Heilerszene hat den Doktortitel sogar aus einem der vielen alteingesessenen Doktortitel-Geschäfte der illegalen Dschunken-Märkte in Paraguay für’n Appel und ‘n Ei gekauft, oder einfach ebenfalls erfunden – genau wie ich grade den ganzen letzten Abschnitt dieses Textes. 😉

Sei ehrlich: Als Nicht-Doktor (wie ich) hast Du erst angefangen, ernsthaft zu zweifeln, als es auf die Dschunken-Märkte nach Paraguay ging. Den ganzen Sermon davor habe ich genau so vorgetragen, dass es Dich staunen, aber nicht direkt zweifeln lässt. Genau das machen die Heilerheinis auch. Das ist nicht so schwer und selbst, wenn sie es nicht selber können, gibt’s solche Texte für Centbeträge im Netz zu kaufen.

Verstanden?!

Manchmal werden auch Begriffe verwendet, ohne sie im Kern verstanden zu haben. Die daraus gebastelten Theorien sind in sich vielleicht noch logisch, oder klingen zumindest so. Auf den welt- und universumsweit gültigen, physikalischen Grundlagen beruhen diese jedoch nicht. Will meinen: selbst wenn etwas bei manchen Menschen einen Effekt hat, dann liegen dahinter andere (physikalische oder psychische oder sozialpsychologische oder auch bisher unbekannte) Wirkmechanismen. Sie beruhen jedoch immer auf Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten, die sich von dem unterscheiden, was da fabuliert wird – das ist theoretisch von jedermann überprüfbar. Wird nur selten gemacht.

Wie kommt ihr darauf?

Viele “Heilslehren” bauen auf einer höchstens vagen Vorstellung von den von ihnen zitierten, physikalischen Zusammenhängen auf. Manchmal werden auch physikalische Grundlagen einfach erfunden. Irgendein Doktor behauptet dann, sie seien der heißeste shit auf dem Erkenntnismarkt. Auf Belege oder wenigstens die Information, woher die Überzeugungen stammen, wartet man vergebens.

Das kann ja mitunter ganz lustig sein, aber meistens nur für die, die es besser wissen. Die anderen (also die Mehrzahl der Menschen) werden nach Strich und Faden verarscht. Sie geben viel Geld aus für Zaubermethoden und Wunderpillen. Warum? Weil sie glauben wollen, dass ihnen damit jemand heilsame, hilfreiche Wahrheit verkauft.

X-Mal habe ich bei Kliniken, Doktoren und anderen “Überzeugten” nachgefragt, die besondere “Heilmethoden” für Schmerzpatienten anbieten oder propagieren, woher ihre Überzeugung käme und wie oder warum ihre Methoden wirken sollen. Ich bin interessiert. Will verstehen. Eine Antwort habe ich nie erhalten. Nur Produktwerbung für ihre “Heilmittel” und Online-Seminare und Aufnahmeformulare für ihre Privatkliniken.

Wenn ich mir den Lebensstil einiger dieser Heiler ansehe, und mir überlege, dass selbst einige von denen, die um diese ganzen Zusammenhänge wissen, noch ihr Geld und ihre Energie für diesen Blödsinn verschwenden, frage ich mich wirklich, ob Schmerzen mitunter auch dumm machen.

Das Ende der Qualen …

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich mache mich nicht lustig über die Hoffnungsvollen und Reingefallenen – wie könnte ich auch? Ich bin auch schon hoffnungsvoll reingefallen – nicht nur ein Mal. Aber ich habe diese Erfahrungen scheinbar gebraucht und schließlich genutzt, um zu lernen. Zu lernen, nicht nachlässig mit meiner Skepsis und dem Zweifel zu sein. Weiter zu zweifeln, auch wenn mir einer das Ende meiner Qualen vor die Nase hält, wie dem Esel die Mohrrübe, damit er Gas (in meinem Falle: Geld) gibt. Denn nichts anderes wollen die Wahrheitsbringer. Sie machen das, um Geld, oder zumindest Ruhm und Ehre (im Grunde alles Surrogate für “Liebe” und “Anerkennung” im weitesten Sinne) zu bekommen.

Auch Ärzte machen sowas – nicht nur die “bösen” Heilpraktiker. Und zu denen (den Ärzten) sage ich: Schämt euch! Grade Ihr müsstet es besser wissen! Ihr habt in den Universitäten gesessen, Euer Physikum gemacht und Bio-Chemie gelernt. Ihr solltet den Grundgedanken wissenschaftlichen Arbeitens doch zumindest in Grundzügen verstanden haben. Was ist da schief gelaufen? Das ist alles nicht ok. Nicht in meiner Welt – aber klar, da bin ich ja sowieso immer ziemlich alleine unterwegs ;-).

Zweifeln – aber richtig

Wer recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.

Aristoteles

Natürlich kann nicht jeder alles wissen (sogar ich nicht ;-)), aber man sollte, wenigstens ein grundlegendes Verständnis von dem haben, worauf man sich bezieht. Dann kann man seine Zweifel fundiert äußern. Dann kann man in echten Diskurs treten, und nur dann ist der “in richtiger Weise” geäußerte Zweifel Antrieb für neue Erkenntnisse und weiterführende Forschungsarbeit.

Ja, Arbeit. Denn darüber müssen sich alle im Klaren sein: Wissen schaffen ist Arbeit. Und diese Arbeit braucht Zeit, Energie, Raum und ja, ab einem bestimmten Punkt auch ein gewisses Maß von dem, was man Intelligenz nennt (was immer das auch im Einzelnen sein mag). Durch diesen Faktor sind wir als Erkenntnissuchender leider auch begrenzt – jeder in seinem individuellen Rahmen. Wirklich intelligent ist es dann, genau DAS am richtigen Punkt anzuerkennen.

Es gibt eine grundlegende und sehr wertvolle Aussage in der Wissenschaft. Sie ist ein Zeichen von Weisheit und lautet: ‘Ich weiß es nicht!’

Lieutenant Commander Data – Star Trek TNG

Konsequent gedacht bedeutet das: Wenn es einer schafft, mich auf höchstem Niveau (so richtig schlau also) zu verarschen, und mir einen vom Pferd erzählt, dann bin ich am Ende gar nicht böse, wenn sich herausstellt, dass es Mumpitz war, was mir erzählt wurde. Dann sage ich: Chapeau! Gut gemacht! Und ich erkenne zumindest die Arbeit an, die dahinter steckt, schlauer zu sein als ich. Im besten Falle lerne ich daraus. Über mich, über mein Unwissen, über Menschen.

Ansprüche

Damit ich möglichst selten in diese dumme Situation des Verarscht-Werdens gerate, oder auch jemandem unbeabsichtigt das Gefühl gebe, von mir verarscht zu werden, sind Äußerungen, die ich von mir gebe, (in den allermeisten Fällen ;-)) sachlich fundiert. D.h. ich habe mich mit den Themen, über die ich spreche oder schreibe, eingehend befasst. Manchmal einige Jahre oder gar Jahrzehnte. Manchmal nur kurz, aber grundlegend. Das Schöne an der Hochbegabung ist ja, dass man sich in relativ kurzer Zeit, relativ viel Inhalt reinziehen kann – eigentlich egal welchen. Das Blöde an Fibromyalgie und CFS (Chronisches Erschöpfungssyndrom) ist dann, dass man seine kognitiven Fähigkeiten nach und nach einbüßt und einfach nicht mehr so viel hängen bleibt. Das Wissen hat dann eine kürzere Halbwertzeit als früher. Aber theoretisch ist mir die Auseinandersetzung mit allen möglichen Konzepten und Ideen auf recht hohem Niveau jederzeit möglich und von mir durchaus gewünscht. Wenn mir jemand das Gegenteil von dem beweist, was ich behaupte, oder Ergänzungen und Einschränkungen hat, dann immer gerne her damit!

Wissenschaftler

Diese grundlegende Eigenschaft sollten auch alle “echten” Wissenschaftler haben. Wer behauptet, er wüsste schon alles, hat das Wesen der Wissenschaft nicht verstanden. Niemand weiß alles. Egal wie viele Abschlüsse, Titel, Fachartikel er vorzuweisen hat. Ein echter Wissenschaftler ist nur derjenige, der am Ende des Tages die Begrenztheit seines Horizonts anerkennt und trotzdem (oder gerade deshalb?) nicht müde wird, sich durch die Beantwortung einer Frage, zehn neue zu schaffen. Der wahre Wissenschaftler müsste also eigentlich “Fragenschaftler” heißen. 🙂

Quantenheiler, Schwingungsmediziner, Feinstofflichkeitsjünger und ihre Fans

Nach den sehr grundsätzlichen, weit ausschweifenden Ausführungen oben, kommt nun endlich mein großes Anliegen:

Wenn irgendjemand ohne Lehrstuhl in theoretischer Physik oder gleichwertiger akademischer Ausbildung mir noch mal was von Quantenheilung, Schwingungsmedizin, Feinstofflichkeit oder anderen Ideen, die mit physikalischen Begriffen daherkommen, erzählen möchte: bitte vergewissert euch, dass ihr bei euch mindestens die gleichen fachwissenschaftlichen Grundlagen hierfür geschaffen habt, wie ich – ich kann das sonst nicht ernst nehmen. Ich werde sonst arrogant wirkend, milde lächelnd, stoisch auf physikalische Grundlagenliteratur und mithin auf euren Irrtum verweisen.

Als Angebot an alle, die sich (wider Erwarten) wirklich und ehrlich für physikalische Grundlagen interessieren, habe ich eine Liste von Pflichtlektüre/- medien für unseren zukünftigen Austausch erstellt und sie in meiner Infothek der vielzitierten Wissenschaften hinterlegt.

Eine Idee ist eine Idee ist eine Idee

Wer diese Arbeit nicht leisten will oder kann (die Erfahrung zeigt, dass das die Mehrzahl der Menschen ist), sollte sich zumindest an den Grundsatz halten, seine Ideen und Vorstellungen als solche zu verkaufen – nicht als Wahrheit oder Fakten. Schon gar nicht als eine Wahrheit, die dazu dient, über Menschen zu urteilen oder an ihnen herumzudoktern.

Diskutieren können wir nur dann vernünftig, wenn wir uns vorher grundsätzlich auf gemeinsame Voraussetzungen und Definitionen geeinigt haben – so wie es in “der echten” Wissenschaft üblich und sinnvoll ist (und sich in den letzten ca. 2k Jahren bewährt hat). Ja, bewährt! Das kann man u.a. daran erkennen, dass wir nicht mehr davon ausgehen (müssen), die Götter wollten uns bestrafen, wenn wir behinderte Kinder gebären, oder die Engelchen buken Plätzchen, wenn sich der Adventshimmel rötlich färbt (auch wenn uns Letzteres als Idee noch so sympathisch erscheint … mir übrigens auch ;-)).

Bild: Claus Weisweiler / pixelio.de

 

Ein Kommentar

  1. Toll, dass und wie Du das thematisierst. Vor einem Jahr etwa habe ich bei mir auf Instagram einen Beitrag aus dem Brockhaus von 1885 gepostet zum Thema Wundermittel. Bekannt sind Scharlatane schon länger, ihre Maschen funktionieren immer noch.
    Wichtig und nicht immer leicht zu unterscheiden davon sind neue Konzepte, die noch in der seriösen, klinischen Erprobung sind. An solchen Studien als Patient teilzunehmen, kann durchaus eine Option sein.
    Danke Dir!

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