Oft nicht erkannt – lebenslang prägend: Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)

Von “psychischem Trauma” haben die meisten Menschen schon mal etwas gehört. Sie denken dabei häufig zuerst an sogenannte “Schocktraumata”, wie sie durch Kriegsgeschehen, Naturkatastrophen oder bei Opfern von schweren Verbrechen ausgelöst werden können. Die Diagnosekriterien dieser klassischen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind relativ eindeutig. Sie beschreiben ein Trauma nach bestimmten Erlebnissen. Meist tauchen die Symptome einer klassischen PTBS zeitlich begrenzt auf und verschwinden nach einer “natürlichen Verarbeitungsphase” oder nach einer Therapie wieder.

Bei einer komplexen PTBS chronifizieren die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder tauchen erst viel später “gut getarnt” in der Lebensgeschichte der Betroffenen (wieder) auf. Für diese Störungen, die sich beispielsweise als Spätfolge eines physischen und/oder psychischen Kindesmissbrauchs dann erst im Jugend- und Erwachsenenalter zeigen, taugen die Kriterien der klassischen PTBS weniger. Der Begriff “Entwicklungstrauma”, der in neueren Artikeln und Büchern verwendet wird (s.u.), scheint hier passender zu sein. Das Störungsbild der komplexen PTBS zeigt sich in Ausprägung und Art bei den Betroffenen sehr unterschiedlich. Häufig werden im Verlauf einer persönlichen Krankheitsgeschichte deshalb zunächst Diagnosen gestellt, die sich lediglich an Einzelsymptomen “aufhängen” – beispielsweise Angstörung, BurnOut oder Depression. Die komplexe Problemlage als Folge eines Traumageschehens wird oft übersehen.

Dieser Blogbeitrag gibt einen Überblick über Grundlagen, Symptome, Therapiemöglichkeiten und nützliche Bücher:

Klassifizierung

Die Posttraumatische Belastungsstörung findet man im im Klassifizierungssystem der Diagnosen (ICD-10 und DSM-IV) unter der Kodierung F 43.1.

Die komplexe PTBS ist bisher im ICD-10 nicht detailliert beschrieben und immer noch wenig bekannt – auch in Fachkreisen. Eine ähnliche Störung wird zurzeit zwar als „andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ (F 62.0) im ICD-10 kodiert, dem tatsächlichen Krankheitsgeschehen der komplexen PTBS wird diese Beschreibung jedoch auch nicht gerecht.

Ab 2022 wird es im dann gültigen ICD-11 erstmals die eigenständige Diagnose der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) geben. Dort werden neben den Hauptsymptomen der klassischen PTBS zusätzlich Affektregulationsstörungen, negative Selbstwahrnehmung und Beziehungsstörungen als Symptome aufgeführt.

Hoffen wir also darauf, dass ab 2022 die nachvollziehbare Kodierung als Grundlage für geeignete Therapien dient.

PTBS <-> kPTBS

In Abgrenzung zur klassischen, “einfachen” PTBS treten bei der komplexen PTBS ausgeprägte Beeinträchtigungen im Bereich des Denkens, Fühlens und bei sozialen Beziehungen auf. Die Störungen müssen für eine Diagnosestellung über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren bestehen.

kPTBS und andere Diagnosen

Aktuell bleibt die komplexe PTBS trotz einiger guter Ansätze oft unerkannt. Da es viele Überschneidungen mit anderen psychischen Erkrankungen gibt (z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, dissoziative Störung, Depression, Angst- bzw. Panikstörung, aber auch Sucht- und Zwangserkrankungen), werden oft erst mal diese anderen Diagnosen gestellt.

Mein persönlicher Eindruck ist: Dies passiert auch, weil komplexe Störungen in Arztpraxen generell nicht “gerne gesehen” sind. Sie verschlingen Zeit und es gibt von den Krankenkassen dafür nicht das entsprechende Geld. “Komplizierte” Patienten, bei denen sich die Heilung nicht nach dem, was in herkömmlichen medizinischen Fachbüchern geschrieben steht, gestaltet, werden zu oft irrtümlich ausschließlich mit einer Borderline-Diagnose versehen und damit auf eine Art Abstellgleis der psychotherapeutischen Behandlung “geparkt”. Ich selbst habe diese Diagnose nicht, kenne aber einige fälschlicherweise damit diagnostizierte Menschen. Kennt man die Personen besser und kennt gleichzeitig “echte” Borderliner, sind die Unterschiede offensichtlich – leider scheinen diese Unterschiede vor allem in Arztpraxen nicht aufzufallen.

Ursachen

Eine komplexe PTBS entsteht meist als Folge von schweren, anhaltenden oder wiederholten Überlastungen des stressverarbeitenden Systems. Da die biologischen Grundlagen bei jedem Menschen unterschiedlich sind, können Art und Umfang der Überlastung je nach Patient auch deutlich variieren. Was den einen nicht groß beeinträchtigt, kann für den anderen, bereits zu nachhaltigen Schäden führen.

Es ist bekannt, dass fast jeder vierte Migräne-Betroffene eine Posttraumatische Belastungsstörung aufweist. In den Fachartikeln zu diesem Thema wird davon berichtet, dass das Trauma evtl. die Migräne auslöst bzw. dafür sorgt, dass die Migräne häufiger chronisch wird (z.B. Anja Rech: Trauma als Ursache für Migräne? in migräne magazin Ausgabe 87 – online abrufbar über die MigräneLiga e.V. https://www.migraeneliga.de/trauma-als-ursache-fuer-migraene/). Da Migräne in vielen Fällen jedoch genetisch bedingt ist (wie ich auch schon mal berichtete), könnte es meiner Meinung nach vor allem bei der komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung auch genau andersherum sein: ein “Migräne-System” ist wesentlich schneller aus dem Gleichgewicht zu bringen als ein “normales”. Überlastungen könnten demnach schneller zu nachhaltigen Defekten führen.

Ähnliches kann sicherlich mit allen “weniger robusten” Stressverarbeitungssystemen passieren. So ist es bestimmt kein Zufall, dass Autisten und ADHS-Betroffene (bei denen das gesamte Wahrnehmungssystem sehr viel ungefilterter funktioniert), ebenfalls eher zu Psychotraumatisierungen neigen. Im Grunde scheint es, dass für viele Autisten und ähnlich neurophysiologisch gestrickte Menschen (wie mir) das ganze Leben eine einzige Überlastung des stressverarbeitenden Systems darstellt und ihr Verhalten nur die logische Konsequenz daraus ist – das Leid und die Probleme mit den Mitmenschen gibt es quasi gratis dazu.

Was traumatisiert uns?

Wie stark und nachhaltig unsere Systeme von Geschehnissen überlastet werden, und welche konkreten Symptome sich daraus entwickeln, hängt von vielen Faktoren ab: genetische, biologische und anatomische Gegebenheiten entscheiden mit darüber, wie es in unserem Leben nach traumatisierenden Erfahrungen weitergeht. Psychische Koerkrankungen und soziale Bedingungen mischen ebenfalls mit. Die Schwierigkeiten und Einschränkungen, die komplex traumatisierte Menschen im Alltag ihrer persönlichen Lebensbedingungen haben, sind dementsprechend unterschiedlich.

Beispiel: Ein Schlag des Vaters oder der Mutter kann ganz unerschiedliche Konsequenzen für das kindliche Stressverarbeitungssystem bedeuten. Je nachdem, wie weit das “Verständnis” des Kindes für Kontext und Situation reicht, sind die Auswirkungen anders. Der Schlag als Affekthandlung nach einer extremen (eventuell selbst körperlich aggressiven) Provokation durch das Kind, hat bessere Chancen auf “natürliche” Verarbeitung und weniger Traumatisierungspotenzial, als wiederholt stattfindende Übergriffe aus heiterem Himmel und ohne für das Kind erkennbare, in gewissem Rahmen nachvollziehbare Gründe. Letztere verursachen eine tiefe Verunsicherung und Störung in der Entwicklung der eigenen Person, wenn praktisch jedes Verhalten (das reine Dasein) eine potentielle Gefahr durch gewaltätige Übergriffe der Bezugsperson darstellt. Das gilt auch, wenn es sich konkret nicht um “schwere Körperverletzungen” oder sexuellen Missbrauch handelt. Das kindliche System hat dann keine Orientierung. Was ist richtiges/erwünschtes Verhalten? Was nicht? Es bleibt der Zweifel am eigenen Verhalten, an der eigenen Persönlichkeit, ja am eigenen Sein – bis ins Erwachsenenalter. Auch der Körper speichert diese negativen oder widersprüchlichen Erfahrungen und spiegelt sie im Erwachsenenalter durch die Symptome der kPTBS nach außen (und innen).

Anderes Beispiel: Ein Kleinkind mit einer durchschnittlich ausgeprägten neuronalen Empfindsamkeit erlebt eine grundsätzlich miese Stimmung und Streitigkeiten unter den Eltern zuhause viel weniger beeinträchtigend als ein Kind mit “genetischer Filterschwäche”. Die Systeme des “filterschwachen” Kindes empfinden das Umfeld eventuell schon als aggressiv, wenn es für andere “nur” laut erscheint. Problematischer Sonderfall: Die Sensitivität wird womöglich noch dadurch gefördert, dass das Kind lernt, besonders auf Stimmungsschwankungen der Bezugsperson zu achten, da diese erfahrungsgemäß zu gewaltätigen Übergriffen (seien es auch “nur” die oft so verharmlosten “Klapse auf den Po”) führen können. Dies kann ein hypersensitives Nervenkostüm dann noch nachhaltiger schädigen als ein “normales”. Ein Teufelskreis.

Symptome

Komplexe Traumatisierungen können erhebliche Beeinträchtigungen des Denkens, Fühlens und Erlebens, sowie der Interaktion mit der Umwelt nach sich ziehen. Die Beschwerdebilder der Betroffenen enthalten typischerweise:

Veränderungen der Impulskontrolle und Emotionsregulation / Selbstregulation

  • Schwierigkeiten im Umgang mit negativen, belastenden, unangenehmen Gefühlen wie Wut, Ärger, oder Trauer.
  • keine Distanz zu inneren Vorgängen
  • keine Möglichkeit, sich selbst zu “beruhigen”
  • dadurch: unverhältnismäßig emotionale Reaktionen (z.B Wutausbrüche bis hin zu Kontrollverlust, fremd- bzw. selbstverletzendem Verhalten), oder extreme Unterdrückungsbemühungen und „Selbstberuhigungsversuchen“ (z.B. mittels Substanzen wie Alkohol oder Drogen).
  • manchmal starke autodestruktive Impulse (z.B. vorsätzliche selbstverletzende Handlungen bis hin zur Suizidalität und Nachlässigkeit in Sicherheitsfragen “Lebensmüde Aktionen”).
  • Auch: Vermeidung oder übermäßiges bis zwanghaftes Ausleben von Sexualität

Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein

  • Bewusstseinsphänomenen wie dissoziativen Episoden, in denen sich das bewusstes Erleben von der Außenwelt abspaltet/zurückzieht
  • ausgeprägten Erinnerungslücken
  • Derealisations- bzw. Depersonalisationserleben (die Umwelt erscheint distanziert und wie unwirklich, Gefühl “neben sich” zu stehen).
  • auch: Wiedererleben der traumatisierenden Erfahrungen (Inztrusion) / “Flashbacks”

Veränderungen der Selbstwahrnehmung

  • Gefühl der Hilflosigkeit und Fremdbestimmtheit
  • ausgeprägte Schuldgefühle (auch irrationale, unbegründete)
  • Gefühl von Isolation
  • Schamgefühle
  • geringes Selbstwertgefühl
  • Gefühl “niemand versteht mich”

Veränderungen in Beziehungen zu anderen

  • Aufgrund der negativen Vorerfahrungen im zwischen­menschlichen Bereich: Probele anderen zu vertrauen / allgemeines Misstrauen
  • Schwierigkeiten mit Konflikten / Konfliktängste
  • wenig Gespür für eigene Grenzen (dadurch häufig Ausnutzen oder Missbrauch durch andere) manchmal: Übernahme der Täterrolle und übergirffiges Verhalten anderen gegenüber

Somatisierung / körperliche Symptome

  • viele körperliche Beschwerden, für die keine organische Erklärung gefunden wird.
  • häufig chronische Schmerzen, Beschwerden des Verdauungssystems, Erschöpfung, Schwindel sowie Beschwerden im Bereich des Herzens, der Atmung sowie des Harn- oder Genitaltraktes.

Veränderungen von Lebenseinstellungen

  • Gefühle von großer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
  • Resignation
  • ehemals stützende Werte, Lebenseinstellungen oder religiöse Überzeugungen, verlieren Bedeutung
  • Zweifel an Sinnhaftigkeit

(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie)

Traumatherapie

Meistens merken alle Beteiligten (Betroffene, Ärzte, Therapeuten, Angehörige) erst dann, dass es mit den Therapien für die Einzeldiagnosen nicht getan ist, wenn Therapiebemühungen nicht richtig fruchten. Antidepressiva heilen kein Trauma und “Verhaltenstricks” im Umgang mit Angst und Panik helfen nur kurzfristig oder kompensieren lediglich Teile der Traumaschäden. Unbehandelte oder falsch behandelte Traumafolgen vergehen nicht von selbst. Sie bleiben grundsätzlich bestehen, auch wenn sich die Symptome verändern können. Eine spezifische und qualifizierte Traumatherapie ist nötig, um den Betroffenen nachhaltig zu helfen und eine Lebensperspektive zu eröffnen. Das Problem: Spezialisierte Traumatherapeuten im kassenfinanzierten Sektor sind selten. Viele Betroffene werden durch therapeutische Einrichtungen gereicht, ohne wirklich Hilfe zu bekommen. Nicht selten verschlimmern sich Schäden dadurch weiter oder neue kommen hinzu. Iatrogene Schäden, also Schäden, die durch ärztliches Handeln entstehen oder sich durch falsche oder mangelhafte Behandlung verschlimmern, führen immer weiter in die Abwärtsspirale. Heilung wird immer unwahrscheinlicher.

Medikamente

Es gibt keine Tabletten oder Spritzen, die ursächlich eine komplexe Traumatisierung heilen können. Lediglich die Symptome können teilweise medikamentös behandelt werden.

Das kann wichtig sein, um Folgeschäden (auch körperliche) zu verhindern. Schlafstörungen, die häufig in Verbindung mit Traumafolgen auftreten, erhöhen langfristig beispielsweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und triggern auch Migräne- und epileptische Anfälle.

Psychotherapie

Eine Trauma-Therapie sollte immer von einem erfahrenen Traumatherapeuten begleitet werden. Je nach Art und Schwere der Traumatisierungen, den Symptomen und weiterer Koerkrankungen wird dieser eine individuelle Therapiestrategie entwickeln, mit der die Traumatisierungen gründlich aber schonend bearbeitet werden.

Bisher gibt es keine spezielle Therapie für komplexe Traumafolgestörungen. Behandelt wird daher mit Methoden, die auch bei “einfacher” PTBS herangezogen werden. Meistens kombiniert der Therapeut verschiedene Ansätze und Methoden, die nach Bedarf und Therapie-(Teil)ziel gleichzeitig oder nacheinander eingesetzt werden. Hierbei kommt es auch darauf an, wie der Therapeut generell schwerpunktmäßig arbeitet und welche Erfahrungen er selbst mit den verschiedenen Ansätzen gesammelt hat.

Meine eigenen Therapieerfahrungen beruhen auf selbstfinanzierten Therapieeinheiten über einen Zeitraum von nunmehr 5 Jahren. Mit einer individuellen Mischung aus Elementen der Gesprächs- und Verhaltenstherapie, Hypnose (u.a. Yager Code) und EMDR („Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, deutsch: „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederverarbeitung“), sowie angeleitete Tension & Trauma Releasing Exercises (TRE®) konnte ich deutliche Fortschritte in der Traumaverarbeitung machen.

Wenngleich auch ich nicht ansatzweise von Heilung sprechen kann, so ist es mir heute möglich, ein besseres Verständnis für mich und meine Probleme und Symptome aufzubringen. Darüber hinaus konnte ich bestimmte Verhaltensmuster ausmachen und das damit verbundene Stresspotential verringern.

Da eine komplexe Traumatisierung meistens sehr tief und in ihrer Struktur mit Körper (und Seele) verflochten ist, verschwinden die ausgeprägten Symptome auch nach einer Therapie selten ganz. Realistisches Ziel jeder Therapie kann jedoch eine deutliche Reduzierung des Leidens sein.

Selbsthilfe

Kaum ein Betroffener erhält heutzutage eine angemessene Therapie oder kann sich diese als Selbstzahler leisten. Viele von uns bleiben letztlich auf sich selbst gestellt. Auf meinem Weg mit dem Trauma haben ich nach (einigen erfolglosen) medikamentösen Behandlungen letztlich drei Dinge entdeckt, auf die ich als Selbsthilfemaßnahmen jederzeit zurückgreifen kann:

Bei akuten Reaktionen im Alltag helfen mir persönlich bestimmte Körperübungen zur Traumaheilung (TRE® – Tension & Trauma Releasing Excersises).

Ein tiefes Verständnis der Muster und Probleme, die durch Trauma entstehen habe ich vor allem bei zwei Autoren / Therapeuten gesehen: 1. Dami Charf und ihr bindungs- und körperorientierter Ansatz von Traumaheilung und 2. Mike Hellwig mit seinem Konzept “Radikale Erlaubnis”.

Mittel- und langfristig habe ich den Online-Kurs “Mit Trauma leben. Wege zu mehr Stabilität & Selbstregulation” von Dami Charf als hilfreich empfunden. Hier geht es ganz konkret darum, wie wir die oftmals “überschießenden” Reaktionen der Psyche und des Körpers wieder besser selbst regulieren können, bzw. wie wir die Selbstregulation trainieren können. Infos unter https://damicharf-selbsthilfekurse.com/mit-trauma-leben/

Das Konzept der “Radikalen Erlaubnis” von Mike Hellwig hat mir geholfen, die (für mich) richtige “Einstellung” zur Traumatisierung zu finden und mich mit mir selbst “zu vertragen”. Für mich persönlich eine wichtige Grundlage für alle weiteren (therapeutischen) Schritte in Richtung meiner “persönlichen Normalität”. Die wird sich auch weiterhin von der Normalität der anderen unterscheiden, aber sie hält mich nicht mehr in Veränderungszwängen gefangen. Ich darf sein, wie ich geworden bin.


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Buch-Tipps:


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10 Kommentare

  1. Danke, liebe myyzilla!!!
    In Deinem Text finde ich vieles, um Worte für meine Situation zu finden. Seit 23 Jahren immer wieder in Therapie, es gab auch schon die Diagnose PTBS, die nie wirklich passte.
    Vor Kurzem habe ich dann von meiner Therapeutin die kPTBS-Diagnose bekommen.
    “Iatrogener Schaden” ist sehr passend. Innerhalb von 2;7 Jahren auf verschiedenen Stationen derselben Klinik, wo 2 arrogante sogenannte Oberärzte meinten, ich solle (endlich) Verantwortung übernehmen, Einzelgespräche bräuchte ich auch nicht mehr, ich wisse ja schon alles, Therapie sei ausgereizt etc…
    Das Ganze fast mit finalem Ausgang. Wie Du sagst: Eine einzige Abwärtsspirale. Bin dabei, mit dem Chefarzt zu korrespondieren. Mit Deiner Erlaubnis werde ich Dich zitieren – natürlich unter Quellenangabe. Die Krankenkasse werde ich auch noch informieren. Wenn ich die Kraft dafür habe.

  2. Hallo Tanja, bin zufällig im Internet auf Deinen Blog gestoßen und habe mir dein erstes Buch bestellt. Habe viel über Trauma gelesen (bei mir im Kontext vom Adoption), wozu ich bald mein erstes Buch veröffentlichen werde. Die ganzen genannten Expert*innen sind mir bekannt, fast alles gelesen. Bei mir bislang alles (seit 2016) unter „Depression“ etikettiert. Aktuell bin ich zum zweiten Mal in einer Fachklinik für psychosomatische Medizin. Lese jetzt vom kPTBS und denke, dass das umfassend mein Krankheitsspektrum beschreibt. Noch in Kombination mit schwerer Arthrose (bin 56). Gibtces DAZU Berichte/Erfahrungen?
    Viele Grüße
    Gertrud Lehmann (Pseudonym als Autorin. Webseite ist noch im Aufbau).

  3. Hallo zusammen. Sehr interessant und hilfreich! Vor allem, dass es ab diesem Jahr endlich einen ICD Code für die kptbs gibt. Bespreche ich gleich beim nächsten Termin mit meinen Ärzten. Ich bin auf die Seite gekommen, weil mir mal wieder seit Tagen nur eine Frage im Kopf rumschwirrt: Kann ich jemals ein gesundes “normales” Leben führen? Wie schätzt ihr das ein bei Menschen mit unserer Symptomatik/Diagnose?

    • Hallo Lory,
      erstmal Danke für Dein Feedback! 🙂
      Meine Erfahrung ist, dass man weitgehende „Normalität“ erleben kann, aber es immer wieder Situationen gibt (bei mir persönlich vor allem in Krankenhaus und/oder Ärztekontakt), in denen die kptbs so massiv „reinhaut“, dass sie mich wieder monatelang „im Griff“ hat, obwohl es mir vorher ebenfalls monatelang relativ gut damit ging.
      Die Triggerung kann auch so heimtückisch passieren, dass man auf den ersten Blick gar nicht versteht, warum etwas so stark eskaliert ist.
      Wichtig finde ich, dass wir uns selbst da nicht so unter Heilungsdruck setzen. Nach meiner letzten „Eskalation“ mit tagelangen dissoziativen Zuständen, über die ich sehr erschrocken und fast böse war („warum hab ich das nicht in den Griff gekriegt?“) sagte mein Neurologe/Psychiater zu mir „Das gehört eben zu diesem Krankheitsbild dazu, seien Sie nicht so streng mit sich selbst.“
      Da hat er wohl einfach recht. Man muss, aber man kann auch damit leben. Wenn es auch manchmal alle Grenzen des Aushaltbaren zu sprengen scheint.
      Alles Gute für Dich!
      LG myyzilla

  4. Liebe Tanja 🙂

    … ja, wenn / falls ich die 55 MB Bookmarks jemals sortiert kriege ;))

    Finde spontan nicht, was ich suche, aber in Zeiten von Covid (und angesichts der erschreckenden Ignoranz gegenüber “atypischem” / Neuro-(!) / Covid) und ZYTOKINSTURM-Gerätsel wenigstens fix dies hier:

    »Stress related disorders and subsequent risk of life threatening infections: population based sibling controlled cohort study«
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31645334/

    und

    Bam, M., Yang, X., Zumbrun, E. et al. Dysregulated immune system networks in war veterans with PTSD is an outcome of altered miRNA expression and DNA methylation. Sci Rep 6, 31209 (2016). https://doi.org/10.1038/srep31209
    https://www.nature.com/articles/srep31209


    Meine Hypothese seit längerem: akute Trigger _an sich_ lösen bei KPTBS bereits eine Art (subakten) “Zytokinsturm” aus. Notaufnahme- / ITS-Setting ist schon für Nicht-Betroffene häufig traumatisierend – für viele Trauma-Überlebende ist es _der_ Trigger schlechthin …

    Ergebnis: Immunsystem im totalen overdrive –> schwere & langwierige Krankheitsverläufe, erhöhtes Schmerzempfinden & Angst, schlechte Wundheilung usw. – bei einem vermeintlich “super funktionierenden Immunsystem” (Zitat mein Ex-Hausarzt) :-/

    Grüße & sonniges WE!
    st

  5. Danke – sehr gut beschrieben!

    Eine Ergänzung für alle Betroffenen, die auch ständig den Arzt- und Krankenhaus-Trigger-Horror des Nicht-Ernst-Genommen-Werdens, vermeintlicher „Hypochondrie“ usw. erleben – u.a., weil „auf Kasse“ spezifische Immun-Essays nicht durchgeführt werden (und Ärzt:innen nicht wissen, dass sie danach gucken könnten / sollten):

    Komplex-/Traumatisierung führt auch zu epigenetischen, hirnphysiologischen, neuro-endokrinen und ~immunologischen Veränderungen – es ist schlicht eine _systemische_ Erkrankung und nicht „nur“ eine psychische!

    Zudem gibt es psycho-neuroimmunologische Wechselwirkungen mit äußeren Einflüssen wie Infekten: toxischer (Dauer-/) Stress und KPTBS bringen das Immunsystem aus der Balance und zu vorzeitigem Altern („immunosenescence“), was infektanfälliger macht und schwere Verläufe befördert (think: Covid!); schwere Infektverläufe wiederum können durch (ggf. weitere) physiologische und neuro-/endokrine Schäden zu Post-Infektiösen Syndromen führen (z.B.: Long-Covid): Teufelskreise in Teufelskreisen …

    Insofern ist die Trennung zwischen „Psycho“ und „körperlich“ eine rein künstliche – und sie führt so furchtbar häufig dazu, dass wir als vermeintliche Hypochonder:innen „behandelt“ – oder eben vielmehr _nicht_ adäquat diagnostiziert und behandelt, sondern belächelt, stigmatisiert, übergangen und alleingelassen werden.

    Auf pubmed gibt es Netzwerkanalysen zu auffälligen epigenetischen Überschneidungen von Autoimmunerkrankungen und Traumafolgestörungen – was m.E. absolut Sinn ergibt, wenn wir KPTBS (unter anderem) als „Programmierung auf Selbstzerstörung / Selbstsabotage“ verstehen, wie ich das jedenfalls erlebe und von anderen Betroffenen ebenfalls höre / kenne.

    (Sorry, hab meine ausgedehnte Linksammlung zum Thema nicht zur Hand.)

    • Danke st für die ausführlichen Infos. Ich finde das sehr interessant und mehr als plausibel, was Du schreibst. Gerade der Punkt “Trennung von Psyche und Physis” scheint mir auch immer absurder zu werden, je mehr ich mich mit meinen Erkrankungen (nicht nur der KPTBS) beschäftige. Ich halte das schon länger für Blödsinn (um es auf den Punkt zu bringen ;-)). Wenn Du Deine Linksammlung noch findest und hier irgendwo angehängt haben möchtest, schicke sie mir gerne (per mail an info@myyzilla.de).
      Liebe Grüße
      Tanja

  6. Danke für diese Informationen.
    Mir fehlt die Nennung von SE Somatic Experiencing (Peter A. Levine) und NARM
    NeuroAffective Relational Model
    (Laurence Heller, Aline LaPierre) als Behandlungsmethoden sowie die entsprechenden Bücher dazu.

    • Hallo B., Danke für Deinen Input. Das SE (Levine) ist glaube ich sogar die Basis von Dami Charfs Therapieansätzen, wenn ich mich richtig erinnere (siehe Buchtipp). Die NARM-Sachen sagen mir tatsächlich nichts. Vielleicht, weil ich Probleme mit englischsprachiger Literatur habe. Wenn Du konkrete Buchtipps dazu hast, setze ich die gerne in Deinem Kommentar dazu!
      Liebe Grüße
      Tanja

      • Hallo Tanja,
        danke für Deine Rückmeldung.
        Literatur zu NARM gibt es auf Deutsch:
        “Entwicklungstrauma heilen – Alte Überlebensstrategien lösen, Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken” von Laurence Heller und Aline LaPierre
        “Befreiung von Schuld und Scham – Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen” von Laurence Heller und Angelika Doerne

        Im Internet findet sich auch eine Liste zu NARM-Therapeuten

        auch lesenswert:
        “Posttraumatische Belastungsstörung – Vom Überleben zu neuem Leben” von Pete Walker

        Herzliche Grüße

        B.

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