Mit Nierensteinen und PTBS im Krankenhaus II: Master of Desaster

Nachdem ich im ersten Teil meiner Geschichte über die Nierensteine und meine Erfahrungen mit meiner psychischen Vorgeschichte berichtet habe, erzähle ich Dir jetzt, wie es weiterging:

Zwei Wochen sollte die Harnleiterschiene drin bleiben, die ich eingesetzt bekommmen hatte, damit es nicht zu weiteren Nierenkolliken kommt, solange der Nierenstein noch drin ist. Es waren wirklich mit die schlimmsten zwei Wochen meines Lebens. An einem Mittwoch sollte es dann geschehen, dass Godot (der Nierenstein, auf den ich so sehnlichst wartete) raus und eine neue Schiene reinkommt (um etwaige Schwellungen zu tunneln). Am Montag vor dem Eingriff, der wieder unter kurzer Vollnarkose stattfinden sollte, musste ich zur Vorbesprechung.

An diesem Tag tat ich etwas, das ich mir selbst bis vor Kurzem nicht zugetraut hätte. Meine Wut, die Verzweiflung und die Angst vor einem ähnlichen Erlebnis wie letztes Mal, waren Antrieb genug. Ich verfasste eine “Bestätigung zum geäußerten Patientenwillen”, die ich vom Vorbesprechungsarzt abzeichnen lassen wollte. Ich wollte damit sicherstellen, dass man mir richtig zuhört und mich und meine Vorerkrankungen wirklich ernst nimmt.

Die Notiz

So notierte ich, dass ich

1. nur in medizinisch absolut notwendigem Falle noch mal einen Katherter oder eine Harnleiterschiene gelegt bekommen will,

2. Sollte eine 2. Schiene und/oder ein Blasenkatheter unumgänglich sein, muss eine nach subjektiven Kriterien ausreichende Schmerzbehandlung umgehend erfolgen, um psychische Folgeschäden zu vermeiden. Ggf. solle mit Opiaten und weiteren Medikamenten sediert werden, um die (psychische und physische) Belastung so gering wie möglich zu halten.

3. Bat ich darum, alle vorliegenden Vorerkrankungen – insbesondere die psychischen (PTBS usw.) – genauso ernst zu nehmen, wie die vorliegenden körperlichen Vorerkrankungen und Unverträglichkeiten. Ich wies darauf hin, dass Nichtbeachtung aufgrund der Schwere der Vorerkrankungen erhebliche iatrogene psychische Schäden nachsich ziehen könnte.

und 4.: Alle im Vorgespräch getätigten Absprachen sollten auf meinen Wunsch im Zuge der Vorbesprechung in die Patientenakten (sog. „Kurve“) eingetragen und ärztlich abgezeichnet werden, so dass das Pflegepersonal hinreichend informiert und legitimiert ist, im Falle der Schmerzreduzierung tätig zu werden. Dieses Vorgehen wurde mit Frau Dr. xy bei der letzten Entlassung ebenfalls so besprochen.

Ein Irrtum

Mir erschien das praktisch und notwendig, um Objektivität über Besprochenes herstellen zu können. Selbst wenn ich im Laufe der Behandlung dissoziieren sollte und an dem, was ich vorher gesagt hatte zweifelte, könnte ich mich so auf das Papier verlassen und auch den Ärzten etwas Objektives, Sachliches, ohne hysterisches Gezeter vorlegen.

Dass das eine gute Idee war, entpuppte sich jedoch als Irrtum.

Zwar hat man in Krankenhäusern kein Problem damit, die Patienten in auch die noch so kleinsten Risiken per Unterschrift einwilligen zu lassen, um bei allem, was ein Krankenhausarzt tut, die Verantwortung so weit wie nur irgendmöglich vom medizinischen Fachpersonal wegzulotsen, aber wenn im Gegegnzug eine einfache Bestätigung eines Gesprächsinhaltes unterzeichnet werden soll, flippen alle aus.

Das nämlich passierte, als der (übrigens ansonsten bis dahin super-nette Arzt) unter Punkt 3. was von iatrogenen Schäden las.

Ab da war es aus mit der gemütlichen Stimmung.

Er bekam den ganzen Schrieb so dermaßen in den falschen Hals, dass er drauf und dran war, mich rauszuschmeißen. Ich können jederzeit ein anderes Krankenhaus aufsuchen, wenn ich mich hier nicht gut behandelt fühlte, usw. usf.

Ein Riesentheater. Ein weiterer Kollege wurde konsultiert mit den empörten Worten: “Hast Du SOWAS schon mal gesehen?!” – Das alles klänge, als wolle ich meine psychischen Erkrankungen ihnen (den armen Urologen) unterjubeln, meinte der Arzt. Das Schreiben hätte doch ein Anwalt formuliert, der sie direkt nach dem Eingriff alle verklagen wolle.

Ich dachte, mich laust der Affe.

Mehrmals versuchte ich zu erklären, dass ich weder was mit Anwälten oder Klagen im Sinn hätte, noch, dass ich irgendjemandem irgendwas unterjubeln wolle. Ernst genommen werden wollte ich. Nichts weiter. Gleiches Recht für alle – Patienten unterschreiben, dass sie bei einem operativen Eingiff einverstanden sind, nicht zu überleben oder mit schwersten Schäden wieder aus der Narkose aufwachen könnten – damit scheint niemand ein Problem zu haben. Jetzt sollt einfach nur der Arzt abzeichnen, dass ich die oben genannten Informationen in einem Gespräch geäußert habe. Mehr nicht.

Als ich das auch noch so ähnlich äußerte, um eine valide Vergleichssituation zu haben, war dann alles vorbei. Mit dem Schrieb stürmte der Arzt aus dem Raum ins Oberarzt-Zimmer.

Die Entscheidung

Ich war so perplex und getroffen, dass mir, jetzt, wo ich alleine im Zimmer saß, die Verzweiflungstränen aus dem Gesicht liefen. Am liebsten wäre ich einfach aufgestanden und weggelaufen. Aber, als ich meine Sachen einpacken wollte, schaute ich auf den Kugelschreiber, den ich von meiner lieben Freundin A. geschenkt bekommen hatte. Ein GiveAway mit ihrem Firmenlogo. Ich stellte mir vor, was A. jetzt machen würde. Nicht weglaufen, auf jeden Fall, das war klar. A. ist so ganz anders als ich. Keine PTBS, kein Psychowrack, trotz aller Krankheiten. So wollte ich auch sein. Das entschied ich in diesem Moment, wischte mir (relativ erfolglos) die Tränen ab und blieb weinend, aber stur und steif auf meinem Hocker sitzen, bis der Arzt schimpfend und schnaubend wieder reinkam. Ich solle mich jetzt entscheiden, ob ich dort weiterbehandelt werden wolle. Das Schreiben würde er niemals unterschreiben.

“Ja, dann eben nicht”, sagt ich trotzig und “wann soll ich wo sein, damit die Schiene und der Stein endlich rauskommen?” – ich wollte diesesen ganzen absurden Mist nur noch beenden. Was hatte ich auch für eine Wahl? Die Schiene war drin und musste raus. Der Stein auch. Ich war ein Nervenbündel und hatte seit 2 Wochen Schmerzen im Unterleib von dieser vermaledeiten Schiene und dem Katheter. Das ich mit meinem Schreiben so eine Welle lostreten würde, konnte ich nicht ahnen. Entweder weil ich vielleicht doch Autist bin und die Neurotypischen einfach nicht verstehen kann, oder weil … ja, warum eigentlich? Ich versteh’s heute noch nicht.

Der Arzt gab nun auch entnervt auf, obwohl er immer wieder anfing weiterzuwettern. Man einigten sich dennoch auf die Operation und zumindest versprach der Doktor, wirklich nur wenn es nötig ist, einen Katheter und eine weitere Schiene zu legen und Schmerzmittel nach meinen Anweisungen zu geben.

Das Erwachen

Die nächsten zwei Tage schlief ich kaum. Hatte Albträume und Panik. Am Morgen des Eingriffs fühlte ich mich wie das Schaf vor der Schlachtbank. Das Einchecken verlief gut und als ich das OP-Hemd anhatte, geriet ich in eine Art “Leck-mich”-Modus. Wahrscheinlich dissoziierte ich auch – wer weiß das schon so genau.

Die OP-Helfer und Narkose-Menschen waren alle sehr lieb. Die letzten 3 Sekunden vorm totalen Wegtreten finde ich immer besonders angenehm. Kein Schmerz und kein Theater – herrlich.

Als ich aufwachte, kämpft ich mich erst noch etwas mühsam ins Dasein. Aber sofort wollte ich von der Schwester wissen, ob der Stein raus ist und ob ich eine neue Schiene gelegt bekommen hatte. “Stein ist raus”, lächelte sie mich an. “Und keine Schiene.” – Ich hatte mich lange nicht mehr so glücklich gefühlt.

Als ich dann noch bemerkte, dass nicht mal ein Blasenkatheter lag, dachte ich, ich flipp aus vor Glück. Sofort wollte ich wach und fit und munter sein, dass ich den ganzen Bums hier möglichst schnell vergessen kann. Ich hatte zwar Schmerzen, aber war sooooo glücklich. Leider wirkten die intravenös verabreichten Opiate nicht so gut im Harnleiterbereich, der ziemlich weh tat, deshalb fragte ich nach einer Ibuprofen-Gabe. Das gäbe es nur auf der Station, sagte man mir. Ok, dann muss ich jetzt sofort dahin, dachte ich und kämpfte mich mit aller Kraft immer weiter aus der Narkose heraus. Nach ein paar Minuten ruckelte ich mich mühsam in eine Art Sitzpposition und fragte, wann ich denn auf die Station könne – ich sei total fit.

Nach insgesamt nur einer halben Stunde auf der Aufwachstation holte man mich dann tatsächlich ab. Am Arm des kräftigen Pflegers konnte ich sogar nach ein paar weiteren Minuten alleine zur Toilette laufen – meine Euphorie trug mich quasi auf Händen. Alle bestaunten mich – dass jemand so schnell wieder aus der Narkose heraus war, hatte man selten erlebt. Dass ich kaum gucken und wenig hören konnte, merkte keiner. War mir auch egal. “Hauptsache ich komm’ hier superschnell wieder raus”, dachte ich. Und das funktionierte auch. Nachdem auch die Ärzte gesehen hatten, wie “fit und munter” ich war, entließen sie mich schon am nächsten Tag. Die haben sich wahrscheinlich mehr gefreut als ich. Schließlich habe ich sie weder verklagt noch ihnen irgendeine meiner Erkrankungen untergejubelt. 😉

Zwar war das mal wieder ein Höllentrip, aber mein Mann sagt, ich solle zufrieden sein. Schließlich hatte ich mit meinem “Auftritt” erreicht, was ich wollte: Ernstgenommen werden. Gut, dass es so ausartet, konnte keiner wissen, aber irgendwo hat er ja recht … selten hat man mir so viel Aufmerksamkeit geschenkt und so gut auf mich gehört … 😉

Ich weiß heute immer noch nicht, ob ich über das ganze lachen oder weinen soll. Ich mach’ das jetzt einfach abwechselnd und hoffe, dass beim nächsten Krankenhausaufenthalt alles weniger eskaliert. Daumen drücken, bitte! 🙂

Ein Kommentar

  1. Ich fasse es nicht ! Da inszeniert sich der Arzt noch als Opfer einer bösen Patientin;
    Kein Selbsthinterfragen; kein es tut mir leid, kein….wie sagt man so …Format zeigen. Nein, da wird nochmal draufgehauen. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass es so nie wieder läuft.

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