“Mehrfacherkrankungen” – Bitte warten.

alte Frau wartet auf einer Bank

Von Mehrfacherkrankungen – oder Multimorbiditäten bzw. Polymorbiditäten – spricht das medizinische Fachpersonal, wenn mehrere (nicht marginale) Erkrankungen gleichzeitig bei einer Person vorliegen. Das kommt meistens bei älteren Leuten vor. Logisch. Je länger wir leben, und je besser die medizinische Versorgung in einem Land ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, noch diverse Krankheiten “mitzunehmen”, bevor endgültig Feierabend ist und die Radieschen von unten bewundert werden können. Wer vorher noch nicht an einem Infekt, Tumor oder Blinddarmdurchbruch gestorben ist, der hat allein statistisch gesehen, schon gute Chancen auf Arthrose, Diabetes, grauen Star, Alzheimer oder eine veritable Herz-Kreislauf-Erkrankung – oft in genau dieser Reihenfolge.

alt = krank

Bei alten Leuten gehören Medikamente, Arztbesuche und Einschränkungen im Alltag fast schon zum guten Ton. Auch das Verständnis und die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft ist bei den Ü80ern vergleichsweise groß: Der klapprigen Omi mit Rollator wird gerne mal die Tür aufgehalten. Dem “grauen Wolf” mit der kaputten Hüfte überlassen wir zähneknirschend, aber einsichtig unseren Sitzplatz im Bus. Dass die von Rheuma und Arthrose gebeutelte Tante Erna nicht zum Schneeschaufeln ranzitiert wird, gilt als generöser Zug mancher Vermieter. Bemerkenswert: Auch Ärzte arbeiten brav alle kassenfinanzierten diagnostischen Dramaturgien ab, wenn der verschrumpelte Teil der Bevölkerung bei ihnen um Audienz bittet.

Ich

Wenn ICH irgendwo reinkomme, wo schon ein weißbekittelter Obermedizinalrat sitzt, werde ich meistens als erstes von oben bis unten gemustert. Manchmal bleibt der Blick kurz an meinen bunten (manchmal glitzernden) Fingernägeln, dem blondierten Iro oder den Tunneln im Ohrläppchen hängen. Viel öfter jedoch am dicken Bauch oder Doppelkinn.

Mittlerweile erkenne ich in den ersten 1,7 Sekunden, ob die Schilderung meines Anliegens (das meistens irgendwas mit neurologischen, immunologischen oder internistischen Problemchen zu tun hat) sich doch noch lohnen könnte, oder ob das alles wieder reinste Energieverschwendung wird. Meistens läuft es nämlich in roten Lettern durch die ärztlichen Äuglein: zu dick, zu empfindlich, zu jung für richtig krank. Und gleich wird man mir irgendeine Sportart, die ich nicht ausführen, ein Medikament, das ich nicht nehmen, oder eine Therapie, die ich nicht bezahlen kann, verordnen.

Zum Schluss spielen wir noch eine kleine Runde U50erPatienten-Bingo: “Sie sind doch noch so jung”, “das ist aber sehr selten”, “das habe ich ja noch nie gehört”, “für ihr Alter untypisch!”, “muss stressbedingt sein” …. BINGOOOO!

Alle Felder voll. Schnauze auch. Ab nach Hause.

Resignation

Mittlerweile spare ich mir solche Events und bleibe direkt zu Hause. Ich bin’s einfach leid. Für die potenziell lebensbedrohlichen Sachen habe ich ja mein Notfall-Set mit dem Epi-Pen. Für unvorhersehbare Verschlimmerung: Prednisolon und Dimenhydrinat*. Für den Rest fällt mir schon irgendeine Entspannungsübung ein, oder ich nehme ein Nahrungsergänzungsmittel*, Schmerzsalbe*, das Novafon, die Akupressurmatte oder den Rollator*. Wenn nix mehr hilft, lege ich mich in mein Bett und lasse meinen elektrischen Lattenrost* den Rest übernehmen, während ich ins Dunkle starre. Mehr brauche ich ja nicht. Als junger Mensch habe ich schließlich Zeit. Ich kann warten …

Und das mache ich jetzt auch. Ich warte jetzt einfach, bis sich mein Äußeres an den Rest meines Zustands angepasst hat. Dann zieh ich mir ‘ne Popelin-Hose an, knabber mir die Plastiknägel ab, kämme die fettigen, flusigen Haare streng nach hinten und schlurfe mit meinen zerbeulten Filzpantoffeln* durch die Arztpraxen der Nation. Denn dann bin ich alt – dann darf ich alles haben, was ich will … ;-P


[HINWEIS: Der Text enthält natürlich Sarkasmus, Ironie und Übertreibung zur Veranschaulichung. Er ist nicht als Kritik an noch älteren Leuten zu verstehen.]

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Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

2 Kommentare

  1. Auf den Punkt gebracht! Geht mir genau so… Mit Sarkasmus lässt sich das eindeutig besser ertragen 😉

    • Hallo Petra,
      🙂 – Ich glaube vielen (vor allem Frauen) geht es so … uns bleibt da leider meistens nichts anderes übrig, als sich diesem Irrsinn mit Humor und Zynismus entgegen zu stellen.
      Glücklicherweise gibt es auch noch Ärzte, die es besser machen. Die zu finden dauert nur meistens lange.
      Ich habe immerhin einen engagierten, Hausarzt, auf den ich mich verlassen kann.
      Hoffe, Du hast auch dieses Glück.
      LG
      myyzilla

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